Gerold Sedlmayr: Wir sind hier nur zu Gast


Gerold Sedlmayr: Wir sind hier nur zu Gast

Artikel-Nr.: 075

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»Momentaufnahme: Gegrinse, Blitz, vorbei.«
Gerold Sedlmayr

 

»Selbst Katzenaugen verlieren hier / den Überblick.«

Gerold Sedlmayr bewegt sich auf den Spuren der verlorenen Zeit: Seine Verse führen mit metrischer Genauigkeit über »Fahrbahnen, Gassen, Pflastersteine« vom bayerischen Urwald bis zu kargen Gesteinsfetzen über dem Ozean. Mal lakonisch, mal melancholisch hält er die Impressionen seiner Spurensuche fest, bringt »Notizen in der S-Bahn« zu Papier und legt »Schichten um Geschichten« frei.

Ob beim kritischen Blick auf die heutige Gesellschaft oder bei Reflexionen über biblische Motive: Immer schwingt in Sedlmayrs Lyrik das Bewusstsein um die Vergänglichkeit mit. Umso mehr Bedeutung gewinnt selbst so ein flüchtiger Glücksmoment, »wenn du im Schlaf die Hand auf meine legst«.

Der Autor

Gerold Sedlmayr wurde 1973 in Passau geboren. Nach dem Lehramtsstudium in den Fächern Englisch und Geschichte promovierte er im Jahr 2004. Seine Habilitation folgte 2010. Seit 2013 ist er Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik der TU Dortmund. Beim Lyrikwettbewerb um den »Hochstadter Stier 2011« belegte er den dritten Platz (Publikumspreis). Mit »Wir sind hier nur zu Gast« legt Sedlmayr seinen ersten Gedichtband vor.

 

 

 

 

 

 

Gerold Sedlmayr liest »Herbstbegegnung« (Videoclip auf YouTube, Kanal dasgedichtclip)

 

 

Memento Mori

Lange, glatte Haare.
Lachen in den Augen.
Hauchzarte Haut,
die sich fein
über die Stirn streckt.

Darunter, klar:
Kontur ihres Schädels: os frontale, Stirnbein.
Die Wölbungen,
in denen die Augäpfel liegen.

Als sie unbedarft die Zähne aufeinanderpresst,
erahne ich, wie ihr Unterkiefer
mit Bindegewebe
am Schläfenbein befestigt ist.
Fest und lose zugleich.

 

Karfreitag

Die Fahrt ist günstig, alles inklusive.
Die Räder des Busses rollen sanft,
das Ortsschild »Buchenwald. Stadt Weimar« un-
aufdringlich. Plötzlich wird die Straße holprig,
als führen wir mit einem alten Zug,
der dampfend über Buckel heizt und peitscht;
das Rattern in den Ohren wie MG-Salven.

Du sagst:
»Der Aufbau Ost hat hierfür wohl nicht mehr
gereicht.« Nach ein paar frühlingshaften Tagen
ist es heute richtig kalt. Gut, dass wir Schal
und Mütze haben auf dieser kahlen Kuppe,
diesem Golgota. Der Wind verbeißt
sich in die Fundamente, ein Gräberfeld,
eine Touristenattraktion.

Wie abgebrüht
riecht es nach Essen vom Café.
Der Tourguide meint, dies sei ein Ort der Un-
Kultur. Und Weimar, das dort unten liegt,
sein Gegenteil? Ich weiß nicht, was Kultur
bedeuten soll. Wie misst man sie? Hat
jemand Zahlen? Zahllose Münder schreien
auf ungezählte Weisen aus den Fotos.

Wir Narren stehen und warten auf den Bus
und hoffen, dass er uns zum Ostersonntag
bringt. Du kümmerst dich derweil um zwei
Studentinnen aus Taiwan, die wohl das Deutsche
nicht so gut verstehen. Nun, halb so wild:
Es mag ja holprig sein, doch sprechen wir
und zaubern uns ein Lächeln ins Gesicht.

 

Gerold Sedlmayr
Wir sind hier nur zu Gast
Gedichte
60 Seiten, Broschur
€ 12,80 [D] September 2014
ISBN 978-3-939777-94-6

 

Alle Informationen zu Wir sind hier nur zu Gast zum Download (PDF)

Pressefoto Gerold Sedlmayr zum Download (JPG), Foto: DAS GEDICHT

 

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