Bingel, Horst: Den Schnee besteuern


Bingel, Horst: Den Schnee besteuern

Artikel-Nr.: 9783858301567

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Horst Bingel hat sich immer wieder für Ausgenutzte, aber ebenso für andere Dichter und Dichterinnen engagiert. So als Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller, aber auch als Herhausgeber der »Streit-Zeit-Schrift« und der Publikation wichtiger Anthologien, so etwa in der Sonderreihe dtv »Deutsche Lyrik, Gedichte seit 1945«. Selbst Schweizer entdeckte er und brachte sie in der Anthologie »Junge Schweizer Lyrik« (Eremiten-Presse) heraus.

Noch wichtiger ist aber Horst Bingel als Erzähler und vor allem als Poet. Zurecht schrieb H.C. Artmann, Horst Bingel sei »der Fassadenkletterer unter Deutschlands Dichter«, während Wolfgang Weyrauch meinte, »Bingels Erkenntnisse und poetische Verwirklichungen sind vergiftete Pfeile, aber ihr Gift ist ein Gegengift, ein Vademecum, indem er in Völkerballspielen nicht Bälle auf das eine oder auf das andere Volk stürzen, vielmehr die Völker Ball spielen lässt«.

Doch nicht zu übersehen, dass dieser Dichter unter der heutigen Deutschland AG litt und zugleich immer wieder das Poetische ins Wort geholt hat: »Die Dichter haben stets die / ganze Welt im Gepäck, weit / ist der Weg zur / Arche Noah.«

Der Autor:

Horst Bingel
geboren am 6.10.1933 in Korbach/Hessen
gestorben am 14.04.2008 in Frankfurt am Main

Frühe Jugend in Gelsenkirchen-Buer. Während des Weltkriegs evakuiert er in die Heimat seiner Mutter nach Bad Langensalza/Thüringen. 1947 Rückkehr nach Hessen. Verlagsbuchhändler, Studium der Malerei und Bildhauerei.

Foto: privat

1957-1969 Redakteur, dann Herausgeber der »Streit-Zeit-Schrift«. 1958-1960 Zusammenarbeit mit V.O. Stomps in dessen Verlag Eremiten-Presse in Stierstadt. U.v.a. Herausgeber der ersten Nachkriegs-Sammlung politischer Lyrik: »Zeitgedichte - Deutsche politische Lyrik seit 1945«, R. Piper Verlag, 1963. 1965 Gründer des »Frankfurter Forums für Literatur«. Hier treffen Schriftsteller aus West- mit Kollegen aus Ost- und Südosteuropa zusammen. 1968 Veranstalter der internationalen »Literarischen Messe der Avantgarde« im Frankfurter Römer. Initiator des »Heinrich-Heine-Verlags«, Frankfurt, hier u.a. Herausgeber der Buchreihen »Streit-Zeit-Bücher« und »Streit-Zeit-Bilder«. 1973-1974 stellvertretender und 1974-1976 Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (VS). Lebte seit 1960 als Schriftsteller in Frankfurt am Main.

 

Nachwort zu »Den Schnee besteuern« von Anton G. Leitner:

Spurensuche

Bis 1997 war er für mich lediglich ein Name, der gelegentlich fiel: Horst Bingel, Herausgeber einer erfolgreichen Anthologie im Deutschen Taschenbuch Verlag, »Deutsche Lyrik seit 1945«, oder Bingel, Ex-Vorsitzender der Schriftstellergewerkschaft. Bis ich ihn eines Mittags kennenlerne.

Minipressen-Messezeit in Mainz: Der Rhein strömt gemächlich an Zelten vorbei, die so verloren am Ufer stehen, als hätten Pfadfinder vergessen, sie abzubauen. Ein paar hundert Meter weiter bilden im Foyer des Mainzer Rathauses einige Männer im Anzug und Frauen im Kostüm einen Kreis. Bürgermeister und Kulturdezernent treten in die Mitte, um halb verhalten, halb amtlich, die Verleihung des »Victor-Otto-Stomps-Preises« der Stadt Mainz anzukündigen.

Am 8. Mai 1997, als ich eben diese Urkunde überreicht bekommen hatte und gerade zu meiner kurzen Dankesrede ansetzen wollte, stürmte Horst Bingel in die Mitte. Dieser stattliche Mann mit grauem Haupthaar ruderte wild und entschlossen mit beiden Armen in der Luft und strahlte dabei eine solche Autorität aus, dass ich sofort mein Konzept einsteckte. Bei seiner Präsenz wagte es niemand, den Kreis zu verlassen. Noch im Fuchteln hob er zur Laudatio nach der Laudatio an, die im Wesentlichen aus Anekdoten über seine gemeinsamen Jahre mit Stomps bestand, den er »VauO« nannte. Während er ohne Punkt und Komma sprach, klopfte er mir mehrere Male so fest auf die Schultern, dass ich alle Mühe hatte, auf den Beinen zu bleiben. Auch laut knurrende Mägen vermochten nicht, seinen Redefluss zu bremsen. Stattdessen zog mich dieser verrückte Bingel in seinen Bann. Denn aus seinen sehr persönlichen, detaillierten und bildreichen Schilderungen gewann für mich nach und nach jener Victor Otto Stomps, nach dem der Preis benannt ist, an Konturen. Bis ich schließlich »VauO« wie er leibte und lebte vor Augen hatte.

Bingel hatte zu den »Jüngern« des Stomps gehört, in dessen Eremiten-Presse er 1956 mit dem Gedichtband »Kleiner Napoleon« debütiert und 1960 eine zweite Lyriksammlung (»Auf der Ankerwinde zu Gast«) nachgelegt hatte. Drastisch schilderte er den Skandal um seinen dritten Versband mit dem provozierenden Titel »Wir suchen Hitler«, der 1965 im Scherz Verlag erschienen war und durcheilte jene turbulenten Jahre als Herausgeber der legendären »Streit-Zeit-Schrift«.

Unserer ersten Begegnung in Mainz folgten ein Dutzend weiterer Treffen in Bayern, weil Bingel gerne in Dießen Ferien machte und dabei vielleicht auch im Kopf hatte, dass ich in der Ammerseeregion lebe.

Horst Bingel war ein geborener Geschichtenerzähler mit dem Langzeitgedächtnis eines Elefanten. Viele seiner Anekdoten waren mir so vertraut, weil ich sie – Jahre später – genauso erlebte wie er. Als 1969 ein Themenheft seiner »Streit-Zeit-Schrift« zur »Pornografie« erschien, traten ebenso Moralapostel auf den Plan, wie 30 Jahre später, als ich das erste »Erotik-Special« von DAS GEDICHT unter dem Titel »Vom Minnesang zum Cybersex – geile Gedichte!« herausgab und damit einen Sturm der Entrüstung auslöste. Oft ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass Bingel mir gegenüber vielleicht nur soviel über sich redete, weil er davon ablenken wollte, dass er in Wirklichkeit mein Leben beschrieb. Bei jedem Besuch brachte er ein Buch von sich mit und übergab es mir wie eine Neuerscheinung. Da ich mehrere seiner Bände selbst besorgt hatte, lernte ich ihn und sein Werk immer näher kennen. Mich beunruhigte die Tatsache, dass er sich ab 1986 »ganz zum Schreiben zurückgezogen«, aber seitdem, außer verstreuten Veröffentlichungen von Gedichten in Anthologien und Zeitschriften, keine selbstständige Publikation mehr auf den Weg gebracht hatte.

»Lied für Zement« heißt eine Sammlung von 55 Gedichten Bingels, die 1975 als Taschenbuch bei Suhrkamp erschienen ist und einen Querschnitt seines lyrischen Schaffens bietet. Lyrik-Großmeister Karl Krolow verfasste das Nachwort dafür. Er charakterisiert Bingel als einen melancholischen Lyriker, dessen Beute die »Zeit auf Widerruf« sei, »in ihren flüchtigsten Momenten«. Bingel verstehe es, ironisch, leicht, aber nie leichtfertig, »die Grazie der Desillusion« gewissermaßen »en passant« anzubringen, wobei er zu »verbalen Handstreichen« neige und sich gerne des Mittels der »Überraschung« bediene.

Zement ist das Bindemittel für Beton, ein feingemahlener Stoff, der nach dem Anrühren mit Wasser selbständig erstarrt, erhärtet und nach dem Erhärten raumbeständig bleibt. »Wir biegen das Blech, / nicht Blume, nicht Baum; / die Straßen vermauert, bis / dann die Männer kommen / am Abend, am / Morgen der Umzug«, heißt es in Bingels »Lied für Zement«, und »Was steht ihr herum?«, fragt er dann ganz plötzlich den Leser, der sich vom Autor ertappt fühlt. Im Gedicht »Widmung für Lerchen« empfiehlt Bingel, das Singen besser gleich bleiben zu lassen: »Überlaßt die Lieder den Lerchen, / sie überleben durch Gesang.« Horst Bingel ist am 14. April 2008 im Alter von 74 Jahren in Frankfurt am Main gestorben. Am 6. Oktober 2008 wäre er 75 Jahre alt geworden. Seine Lieder sollten nicht nur im Gesang der Lerchen überleben!

 

Beitrag von Anton G. Leitner zu Horst Bingel in Leitners ZVAB-Kolumne

 

Horst Bingel
Den Schnee besteuern
Gedichte

80 Seiten, Paperback
Numeriert, vom Verleger signiert
EUR 19,00 [D]
978-3-85830-156-7

 

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